Finale Europapokal Spanien 1988: Sorokins größter Triumph

Es war angerichtet: Im Finale des Europapokals 1988 traf am Sonntag in Madrid Titelverteidiger SK Paranoia Plovidv auf den Meister der britischen Brooms’n’Joy League Flower of Montrose. Es ging spannend zu – ehe der Abend in Tränen endete…

 

SK PARANOIA PLOVDIV VS. FLOWER OF MONTROSE

55-35

Dem Finale zwischen dem Sieger der sowjetischen Qualifikation und dem britischen Meister gingen viele kleine Sticheleien voraus. Während die Sowjetpresse zum „Kampf der Systeme“ aufrief und Meister Plovidv zum goldenen Vertreter einer besseren magischen Welt ausrief, konzentrierte sich die britische Presse vor allem auf die Figur des Artjom Sorokin. Zu tief saß der Stachel, dass Sorokin die englische Nationalmannschaft am Vorabend der letzten WM „im Stich gelassen“ hatte, indem er sich urplötzlich dafür entschied, doch für die Heimat seiner Eltern anzutreten und das sowjetische Trikot überstreifte.

Genervt sagte Sorokin unter der Woche alle Interviewanfragen ab und ließ über den Pressesprecher seines Teams mitteilen, dass er sich auf das Finale konzentrieren wolle und zu dem Thema ohnehin alles gesagt worden sei.

Auf Seiten von Flower of Montrose mühte man sich unterdessen, die politische Aufgeladenheit herabzusetzen. „Letztlich leben wir alle unsere Leben, die einen in diesem Land, die anderen in jenem. Welches nun besser ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich noch nie hinter dem Eisernen Vorhang war. In Schottland lebt es sich jedenfalls ganz gut“, schlug Montrose-Trainer Hamish Macdonald of Clanranald diplomatische Töne an.

Im ausverkauften Stadion in Madrid hatten die Schotten auf jeden Fall den größten Teil der Fans hinter sich – wohl auch, weil die Anreise aus der Sowjetunion schwierig war. Beide Teams begannen zunächst nervös und hatten Probleme beim Spielaufbau. Alvaro Babelli war es schließlich, der sich ein Herz nahm und aus aussichtsreicher Position auf das Tor von Plovdivs Toro Faludy warf. Und schon zappelte der Ball im Netz. Es folgte der Auftritt von Montrose-Kicker & Passer Fynn Little: Er schritt zum Kick-Point, zielte – und schoss den Ball 20 Meter am Tor vorbei. Während die wenigen mitgereisten Anhänger*innen Plovdivs jubelten, versuchten die britischen Fans und Teamkolleg*innen den jungen Little zu trösten.

Schon beim nächsten Angriff konnte sich Right Rusher Aria Pivendale durchsetzen und kickte den Ball zwischen den Stangen hindurch erneut ins bulgarische Tor. Wieder waren alle Augen auf Little gerichtet – und wieder gelang ihm kein Treffer. Trotzdem führte Montrose zu diesem Zeitpunkt mit 15-0.

Unterdessen änderten die Bulgar*innen die Taktik und stellten in der Defense um: Right und Left Tackle tauschten die Plätze, ein Schachzug, den man schon in der Vorrunde gegen den RC Divine Gergovie gesehen hatte.

Unterdessen änderten die Bulgar*innen die Taktik und stellten in der Defense um: Right und Left Tackle tauschten die Plätze, ein Schachzug, den man schon in der Vorrunde gegen den RC Divine Gergovie gesehen hatte. Prompt verdaddelte Montrose die nächste Angriffsrunde, ehe die Stunde von Artjom Sorokin schlug: Per doppeltem Kicktreffer sorgten er und Kicker & Passer Trayana Yankova Paskaleva für einen deutlichen Führungswechsel: Paranoia lag nun mit 40-15 vorne.

Wie er hinterher verriet, hatte Clanranald in der Pause so einiges mit seiner Defense zu besprechen, viel zu viel Raum ließen Ivera Sterling und Ngunoue Maharero den schnellen Rushern der Bulgar*innen. Vorne verlegte sich Montrose nun aufs Kicken, was erneut zum Erfolg durch Pivendale führte. Doch wieder versagten Little die Nerven vom Punkt. Im Spiel verteilte er die Bälle uflink und geschickt an die Rusher, allein mit dem ruhenden Ball wollte es heute so gar nicht klappen.

Nun zeigte Plovdiv, dass Sorokin nicht der einzige auf dem Feld ist, der punkten kann: Ludmilla Stefanovas Kick ging zwar vorbei, doch nur einen Angriff später war sie per Wurf erfolgreich. Bablli gelang nun noch ein Anschlusswurf – den Little wieder nicht verdoppeln konnte – während Sorokin zum Abschluss nochmals per Wurf erfolgreich war.

Nach Abpfiff flossen dann die Tränen in Strömen: Während Sorokin überglücklich mit nassen Augen den Pokal in die Höhe recken durfte, wollte sich Fynn Little am liebsten irgendwo weit weg verkriechen. Da halfen auch die tröstenden Worte von Kolleg*innen und Trainerstab nicht mehr, untröstlich hockte er auf dem Rasen und war gar nicht mehr zu beruhigen. Erst spät am Abend trat er dann doch noch vor das Mikrofon und zeigte, dass er seinen Humor nicht gänzlich verloren hatte: „Ich wollte mich in die Annalen des Europapokals einschreiben. Das hab ich nun getan, wenn auch anders als geplant… Aber das Leben muss weitergehen und ich verspreche, dass ich in der Rückrunde zuhause in der Liga alles geben werde, um diese Schmach vergessen zu machen.“

Auf der anderen Seite hielt sich Sorokin im Siegerinterview auffallend zurück, was das Geplänkel im Vorfeld anging: „Das ist doch Schnee von gestern. Wir haben gewonnen. Montrose hat gut gespielt, hart gekämpft. Aber wir haben das gewusst und hatten einige Asse im Ärmel. Letztlich ist es doch nur Sport, und wir hatten heute haben auch das nötige Quäntchen Glück, das man da braucht.“

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