Europapokal 1988: Top-Favorit muss Segel streichen

Eine faustdicke Überraschung gab es in der Vorrunde des Europapokals: Einer der Top-Favoriten fliegt achtkantig aus dem Turnier – trotz massig Spitzenspieler*innen auf dem Feld. War der Druck zu groß? Und wie hat sich der britische Vertreter geschlagen?

Unione Sportiva Roma vs. Føroyingar Rugby

20-60

Vor der Partie waren sich alle einig: Die großen Favoriten sind die Italiener*innen, die mit ihrem Starensemble schon bei der Präsentation der Teams für den größten Andrang gesorgt hatten. Auch die öffentlichen Einheiten im Trainingslager in Madrid waren immer besonders gut besucht. Der Gegner von den Färöern gefiel sich aber auch in der Rolle des Underdogs: „Wir sind einfach froh, hier zu sein. Wir wollen unseren besten Rugby spielen und uns gut präsentieren. Den Rummel können ruhig die anderen mitnehmen, da haben wir gar keinen Bock drauf. So viele Menschen… das gibt es bei uns auf den Inseln nicht!“, erklärte Oddfinnur Blak im Vorfeld.

Auf dem Rasen in Saragossa, wo das Spiel ausgetragen wurde, war von dieser Bescheidenheit allerdings herzlich wenig zu sehen, im Gegenteil: Eiskalt setzte Ástrið Børresen mit einem Kicktreffer die erste Duftmarke, ehe Kicker & Passer Kári Svabo erhöhte.

Schockte das den Favoriten? Nein, die Römer gaben postwendend eine Antwort: Gionata Cirigliano traf schon beim nächsten Angriff per Wurf, ehe Superstar David Masekela die Punkte verdoppelte. Sein Stern war bei der letzten Weltmeisterschaft aufgegangen, wo ein Tauziehen um seine Verpflichtung begann. Letztlich legte Rom das beste Angebot vor – ob die Gerüchte um die goldenen Wasserhähne in seiner Villa aber wirklich stimmen, dazu äußert er sich bis heute nicht.

Derweil spielten die Färöer weiter unbekümmert auf: Erneut war es Børresen mit einem weiteren Kicktreffer, deren Punkte Svabo per Kick10 verdoppelte.

Nun begannen die Italiener doch etwas nervös zu werden: Maura Sangiovanni versuchte sich ebenfalls an einem Kick, allerdings ging ihr Versuch meilenweit am Tor vorbei. Auch die Defense zeigte sich nun alles andere als besonnen, denn als Randi Steen einen Angriff in Richtung Tor des italienischen Keepers Aberlin Castro (ehemals Flower of Montrose) startete, waren sich die Tackles Askanio Orobio und Karen Geiger nicht einig und sahen tatenlos zu, wie der Kick zwischen den Stangen landete.

Ein letztes Aufbäumen versuchte dann noch Nada Glavica per Wurf, aber da war es schon zu spät – die Roma muss nach Hause fahren! Damit ist einer der großen Favoriten bereits in der Vorrunde ausgeschieden, während der Underdog von den Färöern anschließend im Stadion mit den Fans feierte, als hätten sie bereits den Titel geholt.

Masekela gab sich nach dem Spiel selbstkritisch: „Meine Pässe waren heute nicht präzise genug, da wird es natürlich für die Rusher auch schwer. Aber wir waren insgesamt zu nervös. Vielleicht war der Druck zu hoch, ich weiß es nicht. Aber das hätte uns nicht passieren dürfen!“

 

ETSV Regensburg vs. SC Biel Belzebubs

15-25

Tradition trifft auf Plastik, so konnte das Duell zwischen den beiden deutschsprachigen Teams aus der Bundesrepubik und der Schweiz im Vorfeld am besten beschrieben werden. Gerade in Deutschland ist Belzebubs-Besitzer und -Präsident Emil Huttenlocher unter den traditionsbewussten Fans nicht gerne gesehen, hat er doch in einem spektakulären Move letztes Jahr die Ziegen aus Köln gekauft und in Flying Cows umbenannt. Umso größer die Freude, als am Ende der Sason in einem packenden Finish der Traditionsclub aus Regenburg die Meisterschaft der BRD holte.

Nichtsdestotrotz gingen die Teufel aus Biel als Favoriten in diese Partie. Miroslav Kaminski, dürfte den britischen Fans noch von seiner Zeit als Rusher bei den Southampton Rovers in Erinnerung sein, wurde dort aber von Alessandro Locatelli auf die Bank verdrängt. Seit diesem Jahr spielt er nun in der Schweiz, wo er dem Vernehmen nach glücklich ist: „Ich kann mich nicht beklagen, hier wird bestens für mich gesorgt. Und das Wetter ist auch besser! Ich weine der Brooms’n’Joy League keine einzige Träne nach!“ Neben den besseren Wetter dürfte auch die Bezahlung in der Schwiez besser sein, allerdings sorgte die nicht dafür, dass der Rusher treffsicherer wurde: Sein erster Schuss landete in den Armen von Keeper Rudolf Maria Huber im Tor der Regensburger. Stattdessen zeigten die Bayern, warum sie zu recht Meister geworden sind: Yves Brel versuchte sich aus großer Entfernung per Kick, der spektakulär von der Querlatte gegen den Pfosten und von dort ins Tor sprang. Allerdings ging der anschließende Kick10 von K&P Ulrike Schmidt vorbei, sodass der Vorsprung nur zehn Punkte für Regensburg betrug. Schmidt war es auch, die zur tragischen Figur dieses Spiels wurde, denn nachdem Sven-Ole Nielsen ein weiteres Wurftor für die Regensburger erzielt hatte, landete ihr Kick5-Versuch ebenfalls nicht in den Maschen. Stattdessen gab ein Treffer von Kaminski, der mit einer einstudierten Einlage an der Eckfahne bejubelt wurde, den Schweizern wieder Auftrieb, auch wenn K&P Sian Griffith (ehemals Magic Carmarthen), auch nicht traf.

Allerdings konnten die Schweizer in der letzten Runde nochmals punkten: Center Rusher Thierry Descamps brachte einen Kick im Tor von Huber unter und dieses Mal traf auch Griffith, sodass der Favorit sich mit 25-15 durchsetzen konnte.

Die spanischen Fans in Murcia solidarisierten sich anschließend mit den Deutschen und pfiffen die jubelnden Schweizer*innen aus, denn auch in Spanien wird ein Ausverkauf der Traditionen durch schwerreiche Geldgeber*innen gefürchtet. Der niederländische Trainer Guus Smit nahm die Buhrufe und Pfiffe nach außen hin zwar emotionslos zur Kenntnis, konnte sich am Mikrofon eine Spitze aber dennoch nicht verkneifen: „Wir brauchen keinen Jubel. Wenn wir am Ende des Pokal in den Händen halten und nur unsere Schreie durch das Stadion hallen, reicht uns das auch!“

 

RK Kosmos Kyjiw vs. Flower of Montrose

30-75

Montrose-Traner Hamish Macdonald of Clanranald gestand im Verlauf der Woche, dass er froh war, nicht gleich gegen einen der großen Favoriten ran zu müssen – auch wenn sein eigenes Team ebenfalls in diesen Kreis fällt: „Zum Reinkommen ist es besser, wenn der Druck nicht gleich riesig ist. Gerade bei den Spieler*innen, die erstmals international spielen, ist immer eine gewisse Befangenheit zu spüren. Das legt sich meist im Spiel, aber ich habe im Vorfeld mehr zu tun. So ist es entspannter.“

Auch eine Aria Pivendale hatte ihren ersten großen internationalen Auftritt, ließ sich davon aber nicht beeindrucken: Erster Schuss aufs Tor, erster Kicktreffer! Kicker & Passer Fynn Little, der als junger Spieler bei der letzten Weltmeisterschaft bekannt wurde, zeigte dagegen seine Abgebrühtheit, verzog keine Miene und schritt zum Kickpoint, um seinen Kick10-Versuch wuchtig über die Querlatte zu donnern. 20-0-Führung. Die Ukrainer aus Kyjiw, die im Trainingslager abgeschottet vom Rest untergebracht waren und keine öffentlichen Trainings durchführte,n antworteten in Person von Rusher Komila Sandjarova, die per Wurf traf, ehe K&P Joseph “Jossip” Nicholson die Punkte verdoppelte. Nicholsen wurde von den mitgereisten britischen Fans heftigst ausgebuht, wenn er den Ball hatte. Seine Eltern waren vor Jahren ins Exil nach Russland geflohen, im Zuge der Amnestie allerdings zurückgekehrt, während er sich entschied auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs zu bleiben. Das kam bei den mitgereisten Brit*innen natürlich überhaupt nicht gut an.

Doch nun war die Reihe an Avery Samsonite aus der Runde der „Triple A“-Offense von Montrose, deren Spitzname auf die Anfangsbuchstaben ihrer Vornamen zurückgeht: Samsonite traf ebenfalls per Kick, ehe Pivendale nochmals per Wurf nachlegte. Die britischen Fans im ausverkauften Stadion von Santander forderten nun zwar lautstark Alvaro Babelli, um das Triple voll zu machen, doch der hielt sich am Sonntag noch zurück und überließ das Feld anderen, darunter einem überragenden Fynn Little.

Bei den Ukrainern konzentrierte sich das komplette Spiel auf Komila, die zwar nochmals einen Kicktreffer landen konnte, aber angesichts der gut stehenden schottischen Abwehr immer wieder auch in Bedrängnis geriet. Letztlich sorgte ein weiterer Kick von Samsonite für den Schlusspunkt, während Little als „Player of the Match“ ausgezeichnet wurde.

Kosmos-Managerin Maryna Vadymivna Kozak war im Anschluss die einzige, die vor die Mikrofone trat und ein paar dürre Worte sagte: „Es war uns eine Ehre dabei sein zu dürfen und die die Sowjetunion hier vertreten zu haben. Leider sind wir ausgeschieden. Wir bedanken uns für die Gastfreundschaft und drücken nun den Genoss*innen aus Plovdiv die Daumen!“

 

RC Divine Gergovie vs. SK Paranoia Plovdiv

5-55

Nachdem es im Team von Plovdiv im Zuge einer Neuaufstellung einige neue Namen gab, war es im Vorfeld schwierig, die Stärke der Bulgar*innen einzuschätzen. Auffällig war jedoch, dass sich das Team überraschend offen gab und auch im Trainingslager für Interviews zur Verfügung stand – obwohl beim letzten Europapokal eine Spielerin die Gelegenheit genutzt hatte, politisches Asyl im Westen zu beantragen. Wie es heißt, steht das Team seitdem unter strenger Beobachtung aus Moskau, allerdings war davon wenig zu merken, vor allem im Vergleich zum Team aus der Ukraine. Besonderes Augenmerk liegt aus britischer Sicht natürlich auf Artjom Sorokin, dessen Entscheidung, für das Geburtsland seiner Eltern zu spielen, vor der letzten WM für ordentlich Ärger gesorgt hatte. Sorokin selbst, wollte keine Fragen zu seinen Beweggründen beantworten, sprach jedoch offen über seine neue Heimat in Bulgarien: „Nach dem Gewinn des Europapokals ist in Plovdiv viel passiert. Es wurde ein neues Trainingszentrum errichtet, das Stadion modernisiert und zusätzlich ein Mentalcoach eingestellt, der allen Spieler*innen in sämtlichen Lebenslagen hilft. Das war auch der Grund, weshalb mich das Gebot vollends überzeugt hat. Die Bedingungen sind vergleichbar mit Moskau – und zählen somit zur absoluten Weltspitze.“

Dass Sorokin auch Rugby spielen kann, zeigte er dann auf dem Platz, wo er die Franzosen fast im Alleingang nach Hause schickte und sowohl mit dem Fuß als auch mit der Hand traf.

Auf der Gegenseite war es einzig Germain Lefeuvre, der unermüdlich ackerte und versuchte aus allen Lagen zu werfen oder zu kicken, jedoch nur einmal Erfolg per Wurf hatte. Zu wenig für die Mission, mit der Gergovie beim Europapokal angetreten war: Dem französischen Rugby, der in einer schweren Krise steckt, wieder zu neuem Glanz zu verhelfen. Trainer Bruno Peletier wurde im Anschluss deutlich: „Das war eine unterirdische Leistung heute, daran gibt es nichts zu deuteln. Warum sich die Spieler*innen auf dem Feld allerdings wie aufgescheuchte Hühner bewegt haben, weiß ich auch nicht. Dazu bestand keine Notwendigkeit. Alles in allem haben wir dem französischen Rugby so einen Bärendienst erwiesen!“

 

Heute Früh wurden auch gleich die Halbfinal-Partien ausgelost, die am kommenden Sonntag um 20 Uhr ausgetragen werden:

Føroyingar Rugby vs. Flower of Montrose

SK Paranoia Plovdiv vs. SC Biel Belzebubs

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