Blossom of Love

Nach der Veröffentlichung des letzten Teils unseres großen Fortsetzungsromans rund um Debby und Sarah haben den Daily Observer viele Zuschriften von Leser*innen erreicht, ob es künftig weitere monatliche Geschichten unserer Redakteurin Abigail Cribb geben wird. Daher freuen wir uns nun besonders, dass wir heute den ersten Teil der neuen Reihe „Blossom of Love“ präsentieren können.

Teil 1: Nur Mut!

Nein, es musste jetzt geschehen. Jetzt oder nie, sonst wäre es vielleicht zu spät – und das würde er sich nie verzeihen! 

Fest entschlossen eilte er die ausladenden Marmorstufen der großen Freitreppe in der Halle hinauf in den ersten Stock des prächtigen Anwesens. Er lief den langen Flur entlang, der mit einem weinroten Teppich aus Samt ausgelegt war, der jedes Geräusch verschluckte. 

Atemlos kam er vor der Tür des Arbeitszimmer zu stehen, wo er kurz innehielt, um sich zu sammeln. Er blickte nach links. Dort hing in einem gold-gerahmten Gemälde Lady Elisabeth Victoria Prudence of Locksley-Betancourt, eine Vorfahrin der heutigen Schlossbesitzerin. “Bitte entschuldigen Sie, aber ich muss das jetzt tun. Es geht wirklich nicht anders!”, flüsterte er in Richtung des Gemäldes. Ihm war, als ob die Lady ihm leicht zunicken würde, dann atmete er noch einmal tief durch, straffte die Schultern und klopfte energisch an die Tür. 

“Herein!”, kam es auffordernd von einer weiblichen Stimme aus dem Inneren des Zimmers. Edward öffnete die Tür und trat vorsichtig ein. Vor ihm am anderen Ende des Arbeitszimmers saß hinter einem riesigen Schreibtisch, der mit wichtig aussehenden Papieren bedeckt war, Lady Delilah Locksley-Betancourt und blickte ihn erstaunt an. Ihre Haare, die zu zwei prächtigen Zöpfen geflochten waren, schimmerten golden in der Abendsonne, die durch das offene Fenster herein schien. Die Gardine bewegte sich leicht in einem Windhauch, in einer Ecke schlug die große Wanduhr zur halben Stunde.

Edward hatte auf den letzten Metern doch wieder der Mut verlassen, aber nun war es zu spät. Jetzt oder nie! Er atmete noch einmal durch, machte einen kleinen Schritt nach vorne, dann blieb er stehen und drehte verlegen seine Kappe in der Hand. 

“Edward! Sie hier? Was gibt es denn? Ist etwas passiert? Sie haben so rote Wangen…” Lady Delilah war aus ihrem dick gepolsterten Armlehnensessel aufgesprungen und hatte ihre Feder bei seinem Anblick achtlos auf den Brief geworfen, an dem sie gerade schrieb. 

“Ich…”, fing Edward verlegen an. Wo war nur seine Entschlossenheit hin? In seinem Kopf hatte er sich den Verlauf des Gesprächs schon tausende Male vorgestellt, aber die Realität sah nun ganz anders aus. “Ich habe eine ganz dringende Bitte, Mylady!”

“Oh, Edward, so sprechen Sie doch! Ich werde ja ganz ungeduldig!” Lady Delilah war hinter dem Tisch hervorgekommen, eilte zu ihm und ergriff seine Hand. Sofort schoss Edward noch mehr Röte in sein Gesicht. “Sie müssten bitte einmal mitkommen. Ich muss Ihnen etwas zeigen…” 

Verlegen entzog er ihr seine Hand und trat einen Schritt zurück. Lady Delilah blickte ihn mit ihren blauen Augen durchdringend an. “Aber natürlich! Gehen Sie nur, ich folge Ihnen!” Die Röcke ihres blauen Kleides raschelten, als sie hinter ihm den Flur entlang zur Treppe ging.

Draußen führte er sie einmal um das prächtige Schloss herum in den Garten, am Teich mit seinen Fontänen vorbei und durch den mit Efeu bewachsenen Torbogen hindurch. Hinter dem Bogen war der Garten wilder und naturbelassener. Nach ein paar weiteren Schritten hielt Edward vor einem Beet an. “Bitte!” Er deutete auf die Blumen, die dort wuchsen. “Schauen Sie, Mylady!”

Lady Delilah trat einen Schritt nach vorne und blickte auf das Beet. Dort blühten in einem üppigen Busch die schönsten Rosen, die sie je gesehen hatte. Vor allem die ungewöhnliche Farbe der Blüten zog sie sofort in ihren Bann – sie waren tiefblau und leuchteten im letzten Licht der untergehenden Sonne, ja, sie funkelten geradezu. “Oh, Edward! Das sind die schönsten Rosen, die ich je gesehen habe!”, rief sie verzückt.

Edward blickte auf das Beet, das er das ganze Jahr über gehegt und gepflegt hatte. Er war sehr stolz darauf, dass die Rosen in diesem Jahr endlich wieder blühten, nachdem sie in den Vorjahren keine Blüten tragen wollten. “Ich wollte, dass Sie die Rosen unbedingt sehen, bevor sie verblüht sind. Sie haben die Farbe Ihrer Augen.” Er blickte sie an und lächelte schüchtern. 

Lady Delilah blickte auf ihren Gärtner – und verlor sich in seinen tiefschwarzen Augen. “Danke, Edward!” Sie machte einen Schritt auf ihn zu. “Ich bin so froh, dass du mir das gezeigt hast.” Erneut griff sie nach seiner Hand und schaute ihn intensiv an. 

In dem Moment nahm er all seinen Mut zusammen und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. Sie schloss die Augen, zog ihn fest an sich – und erwiderte ihn… 

 

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