Von einer, die auszog, das Fürchten zu lehren

von Yemaya Madeleine Valmere – An einem sonnigen Nachmitttag im März lud mich Fianna Akrutat, Wächteranwärterin im zweiten Ausbildungsjahr und eine der Held*innen Britanniens zu sich zum Tee ein. In einem sehr persönlichen Gespräch redeten wir über ihre Ausgrenzungserfahrung als Mitglied der Familie Akrutat. Mrs Akrutat ist eine Grenzgängerin. Mit ihrer Entscheidung sich durch die Ausbildung als Wächterin in den Dienst des Staates zu stellen, trifft sie auf Unverständnis innerhalb der Familie. Zudem erfährt sie eine prinzipielle Skepsis – eben weil sie eine Akrutat ist. Der Name ist ein Stigma. Ein Stigma, das schon Kinder ausgrenzt und einen Teufelskreis in Gang setzt, der nur schwer zu durchbrechen ist.

Scharfe Polemik, gemischt mit einem vorwahlabendlichen Populismus in der britischen Politik bringt alte Vorurteile über die Familie Akrutat wieder zutage. Die Mitglieder der Familie leiden nicht nur unter einer Lebenswirklichkeit, die Armut befördert, sondern auch unter Vorurteilen und antiziganistischen Ressentiments. Die Familie befindet sich bereits in einer erhöhten Eskalationsstufe der Diskriminierung: der Deportation. Und diese trifft reale Menschen – nicht eine anonyme Gruppe.

Mrs Akrutat, Sie haben mir im Vorfeld des Interviews erzählt, Sie säßen „zwischen den Stühlen“. Können Sie das erklären?

Ich grenze mich durch meine Öffnung hin zur britisch-magischen Gesellschaft von meiner Familie ab. Dabei ist Familie für eine Akrutat sehr wichtig. Sie bedeutet alles. Aber meine Entscheidung trennt mich von der Familie. Lange Zeit war da ein Bruch zwischen uns. Erst in den letzten Jahren konnten wir uns wieder annähern.
In der Academy indes wurde ich darauf hingewiesen, dass die Schulbücher abgezählt sind. Schulbücher! Das ist die alltägliche Skepsis, der ich mit dem Nachnamen „Akrutat“ ausgesetzt bin.
Selbst dieses Interview ist für mich riskant. Wird es mich von meiner Familie trennen? Wird es mich ins Gefängnis bringen, wenn ich unangenehme Wahrheiten aussprechen? Obwohl ich bereits mehrfach meine Treue zur Verfassung bewiesen habe, rechne ich mit einer Verhaftung aus einem vorgeschobenen Grund.

Mrs Akrutat, nun könnte man behaupten: Die Familie Akrutat sei selbst schuld. Sie leben als eingeschworene Gesellschaft, zu der nur Initiierte einen Zugang haben. Ihre prophetischen Fähigkeiten beunruhigen. Sie haben sich selbst ausgegrenzt.

Wir sind eine komplexe, eigene Kultur, ja. Unsere Traditionen sind etwas, das die Mitglieder der Familie kennen und worauf sie sich verlassen können. Aber wir sollten uns nicht verstecken. Das ist wahrlich ein Preis, den wir zahlen müssten: die Familie müsste sich öffnen. Wahrscheinlich Geheimnisse aufgeben. Unsere Kinder an magische Schulen schicken. Davor haben viele meiner Verwandten Angst. Erfahren sie doch tagtäglich, dass sie unerwünscht sind. Beschuldigt und verachtet werden. Die britisch-magische Gesellschaft erleben sie vielfach nicht als sicheren Hafen. Die Ängste davor übertragen sie auf ihre Kinder. Auf beiden Seiten herrscht Angst. Angst vor dem Unbekannten.
Ich habe den Schritt gewagt, meine Tochter an einer magischen Schule anzumelden. Ich möchte nicht, dass sie die alten Vorurteile übernimmt, sondern lernt Vertrauen in Magier*innen außerhalb der Familie zu setzen. In den Ferien bringe ich ihr unser altes Wissen nah. Ich möchte, dass sie später einmal eine Wahl hat. Vielleicht kann ich so in meiner Familie und der Gesellschaft ein Umdenken anstoßen.

Gehört ein bisschen „Andersartigkeit“ nicht zum Geschäft der Akrutats?

Kaum einer von uns durfte eine etablierte Schule besuchen – wir lernen von unseren Müttern und Ahnen. Wir lernen Kindern auf die Welt zu helfen. Tiere zu versorgen. Vielfältige handwerkliche Fähigkeiten. Ackerbau. Natürlich ist das kein anerkannter Abschluss, der uns auf dem Arbeitsmarkt eine Position verschaffen könnte. Auch das ist eine Wahrheit. Eine Anstellung zu halten ist ungleich schwerer. Meistens ist es ohnehin nur Tagelöhner-Handwerk. Wird etwas vermisst, fällt der Verdacht gleich auf den Akrutat vor Ort. Also musste die Familie sich schon immer nach alternativen Möglichkeiten des Broterwerbs umsehen. Das mag vor 50 Jahren noch gut funktioniert haben, heute aber nicht mehr. Es gibt so viele Namen für uns und kaum einer davon ist schmeichelhaft: Tinker, Gypsy, Pikeys, Zigeuner … sie spielen alle auf unsere Tätigkeiten in der Vergangenheit an. Tinker zum Beispiel kommt von flicken, Dinge reparieren. Ja, unser Geschäft ist anderes. Notgedrungen anders.

Es ist doch nachweislich so, dass immer wieder Mitglieder der Familie in illegale „Geschäfte“ verwickelt sind. Ihre Deportation war eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Auch das stimmt. Es ist eine „sich selbst erfüllenden Prophezeiung“ – wie ironisch, wenn es um die Familie Akrutat geht. Die Gesellschaft lehnt uns ab. Verurteilt uns – warum sollen wir dann nicht auch so handeln? So denken besonders junge Menschen, welche die Konsequenzen ihres Handelns noch nicht ausreichend einschätzen können. Oder die ihren Platz in der Welt noch suchen. Zudem sind die beruflichen Aussichten für Mitglieder meiner Familie – trotz unseren vielfältigen Begabungen – wie gesagt sehr eingeschränkt. Ein etwas zwielichtiges Jobangebot, das dir endlich etwas mehr als ein paar Pennies einbringt – das ist sehr verlockend.

Waren es solche Geschäfte, die den Staat dazu veranlasst hat, diverse Mitglieder der Familie, inklusive dem Oberhaupt „Granny“, zu verhaften?

Ich denke, die Verhaftungen waren hauptsächlich politisch motiviert. Der Daily Observer veröffentlichte noch am Tag zuvor einen Artikel über eine Schmugglerin. Natürlich eine Akrutat. Liebestränke. Was für ein Klischee. Wir sind ein guter Sündenbock – und ein solcher wurde gebraucht, um sich Wählerstimmen zu sichern. Kaum einer verteidigt uns. Welche*r Magier*in gibt schon zu, dass er*sie sich einmal im Monat die Karten legen lässt? Dass er*sie versucht hat, Kontakt mit Toten herzustellen? Nein, das ist etwas, was man tut, wenn man verzweifelt ist. Oder draufgängerisch. Unsere Dienste nehmen nur Wenige stolz an. Stets schwingt etwas Anrüchiges mit. Und dieses Gefühl wird auf die Familie Akrutat übertragen.
Und dann sind da die „neuen Mystiker*innen. Diese sind höchst gefährlich. Dass die Familie Akrutat eine lange Tradition pflegt, die eben genau diese unkontrollierbaren Experimente kontrollierbar machen kann, wird außer Acht gelassen. Da werden zwei völlig unterschiedliche Dinge in einen Kessel geworfen. Mystik war immer unser Geschäft. Das Einzige, das man uns zugetraut hat und, Mann, wir sind gut darin.

Warum trifft Sie die Ablehnung der Gesellschaft, abgesehen von den derzeitigen Inhaftierungen?

Weil sie nur in wenigen Fällen gerechtfertigt ist! Wir sind nicht komplett unschuldig oder ohne eigene Probleme – die haben wir definitiv! Aber diese Grundhaltung von Misstrauen hat uns vielfach überhaupt erst in diese Situation gebracht.
Dass wir Mädchen haben, die in ihrem Wagen für ein paar Shilling alles tun, was du dir wünscht, stimmt übrigens auch nicht. Wir leben nach einem strengen moralischen Kodex. Zum Beispiel wird unser Name bei Hochzeiten in weiblicher Linie weitergeben. Die Ehe ist uns heilig: Wir leben monogam. Die Familie geht über alles. Kinder sind uns wichtig und werden von der ganzen Familie liebevoll-führsorglich aufgezogen.

Gestatten Sie die Frage: Wo stand Ihre Familie in den dunkeln Jahren? Über ihr Leben ist so wenig bekannt, dass diese Position bestimmt einige Leser*innen interessiert.

Viele von uns waren im Widerstand. Auch mein Mann. Er war Nichtmagier und es war nicht sein Kampf, aber er hat sich für eine Welt ohne Verfolgung, in der alle Menschen frei und ohne Angst leben können, eingesetzt. Dabei hat er sein Leben verloren. Wir sind treu. Bis über den Tod hinaus. Seitdem ziehe ich unsere Tochter alleine groß.
Durch unsere Warenwege und Verbindungen haben wir dem Widerstand geholfen. Wir konnten Magier*innen, für die es zu gefährlich wurde, von der Awakening-Bewegung unentdeckt außer Landes bringen. Darum habe ich mich auch entschieden Wächter*in zu werden. Ich wollte an unser Wirken von damals anknüpfen und das moralisch Richtige tun. Und den Opfern aus unseren Reihen Tribut zollen.

Warum sollte sich, Ihrer Meinung nach, Magier*innen die Mühe machen, sich mit der Familie Akrutat auseinanderzusetzten? Sind die anderen Akrutats wichtig für England?

Welchen Wert hat ein Menschenleben? Wir leben und wir können zaubern. Moralisch finde ich es fragwürdig, einem Leben einen Wert zuzuschreiben. Das haben Andere getan und es ist fürchterlich nach hinten losgegangen. Bei der aktuellen Situation wird oft vergessen, dass auch wir Verwandte durch die Awakening-Bewegung verloren haben und diese schreckliche Erfahrung mit der Bevölkerung von Magic Britain teilen.  
Davon abgesehen hat, neben dem Wahrsagen, auch das Heilen in meiner Familie eine große Tradition. Wie gesagt werden Kinder bei uns groß geschrieben. Das bringt uns viel Wissen über Schwangerschaft und Geburt. Diese können wir unterstützen und begleiten. Wenn ein*e Magier*in nicht ins Krankenhaus kann oder möchte, können wir helfen. Wir haben gelernt mit der Natur im Einklang zu leben und auf uns selbst gestellt zu überleben. Das ist eine wichtige Perspektive auf das Land und die magischen Ressourcen. Wahrsagen, Heilen, Natur: das könnten wir beitragen- wenn man uns denn ließe. Und wenn wir keine Angst davor haben müssten, dass unser Wissen uns genommen wird. Das Andere es als ihre eigenen Erkenntnisse ausgeben. Wenn man uns das auch nimmt, dann nimmt man uns unsere Lebensessenz.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen? Von Ihrer Familie und von Magic Britain?

Ich wünsche mir Öffnung. Auf beiden Seiten, die Möglichkeit auf einen neuen unvoreingenommen Start. Wenn wir, und damit meine ich die Familie, wollen, dass die britisch-magische Gesellschaft uns anerkennt, dann müssen wir uns öffnen. Gegen das Versprechen, uns zuzuhören. Uns eine Chance zu geben – auch wenn es Zweifel gibt. So wie ich hier an der Broughton Academy eine Chance erfahren durfte.

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