Time Does Not Wait

Eine Bestandsaufnahme. England ein halbes Jahr nach der Wahl. Die Freedom Front ein halbes Jahr nach der Wahl. 

Ein Kommentar von Matthew B. Hayes/Alicia Trombeau.

Die Duchess hat sich zuletzt etwas zurückgezogen. Manchmal wirkt es gar, als stünde der britische Boulevard plötzlich still. Nach dem berühmten Bagnold-Punch kurz vor der Zielgeraden ist Tristania Lancaster irgendwo zwischen Tarotkarten, Glaskugeln und reichlich Weihrauch k.o. gegangen. Jetzt muss sie Wunden lecken. Oder wie sie selbst es nennt “mehr Pleasure Time mit Thomania” verbringen. Das konservative Lager feiert sich indes als stolzer Bezwinger eines mächtigen politischen Schreckgespensts. Die Freedom Front selbst gibt sich betont gelassen. Sie wollen plötzlich der bescheidene Newcomer mit Achtungserfolg sein. Funktioniert Politik so? Vermutlich. 

Es war vielleicht der eindrucksvollste Politsprint der magischen Geschichte. Die Freedom Front ist aus dem Nichts gekommen. Kraftvoll und rasant. Nicht annähernd so plump und populistisch, wie ihre Widersacher zu sagen pflegen. Sondern strategisch schlau und weitsichtig. Die Freedom Front ist keine Partei, in der es nur um eine verlassene Frau reicher Herkunft geht, die das Setzen von Tränen und Pathos perfektioniert hat. Das Garnieren einer Botschaft mit Emotionen. Etwas Reue, etwas Flehen um Vergebung und um eine bessere Welt. Tristania Lancaster ist vor allem eines, ein strategisch perfekt gesetztes Gesicht. Eines, das laut ist und gesehen wird, dem zugehört wird – das aber gleichzeitig vollkommen unterschätzt wird. Mit jeder Homestory aus dem Black Tower, mit jeder neuen Skandalgeschichte, mit jedem Babytalk ein wenig mehr. Es wird uns, der magischen Avantgarde, so einfach gemacht, sie auszulachen. Sich über sie zu stellen. Uns nicht bedroht zu fühlen. 

Doch wir wurden bedroht. Vor der Wahl. Nach der Wahl. Selbst jetzt, wo die traurige Duchess im wohlverdienten Babyurlaub weilt. Nicht von ihr direkt natürlich. Aber von der Idee, die sie für die Freedom Front artikuliert hat. Menschen kommen und gehen, Politiker kommen und gehen, Ideen bleiben. Sie richten mehr Schaden an, als eine einzelne Person es je könnte. Und während wir uns alle – selbstgerecht wie wir so sind – an Tristania abgearbeitet haben, hat die Idee der Freedom Front sich längst verselbstständigt. Wie ein Virus, das unbemerkt in unsere Gesellschaft eingedrungen ist und sich nicht mehr stoppen lässt. 

Bagnold und ihr Team klopfen sich stolz auf die Schultern ob ihres wahlentscheidenden Meister-Coups, aber eigentlich sind es die Masterminds hinter der Freedom Front, die laut lachen. Wahrscheinlich lachen sie sogar nonstop seit Dezember und sind deshalb zu nicht viel mehr gekommen seither? 

Noch sind wir alle halb beschwipst vom Champagner, die Wahlnacht steckt in unseren Knochen, die Euphorie und die Erleichterung. Wir wagen es irgendwie nicht an Morgen zu denken. Noch nicht. Vielleicht sogar weil wir eine Ahnung haben. Denn jeder Sieg hat seinen Preis. Das weiß übrigens auch Bagnold. Sie hat eine bewusste Entscheidung getroffen. 

Die Entscheidung, unsere fragile magische Gesellschaft weiter zu spalten anstatt sie zusammen zu führen. Die Aufhebung des Berufsverbots, die Aufhebung des Exils, die Mystikerprozesse – es ist längst kein Wir-und-die-anderen mehr. Es ist zu einem Wir-gegen-die-anderen geworden. Unsere Welt zerbricht. Am 8. Dezember 1986 haben wir vermutlich den Grundstein für das Ende unserer souveränen magischen Gesellschaft gelegt. Vollkommen unwissend. Outsmarted von einer Bewegung, der wir eigentlich nur etwas genauer hätten zuhören müssen. 

Eine Legislaturperiode lang Tristania Lancaster, das war nie der Feind. Unsere Gesellschaft hätte sie überstanden. Und vermutlich schnell vergessen. Aber die Freedom Front will unsere magische Welt gar nicht regieren. Die Freedom Front will sie auflösen! 

Vermutlich wird sie dabei Erfolg haben. Denn die Freedom Front hat eine Sache, die wir nicht haben – die wir ganz ehrlich schon seit der Magischen Aufklärung nicht mehr hatten: Die Freedom Front hat nämlich eine Idee. 

Es sind immer die Ideen, nach denen sich die Menschen verzehren. Es sind die Ideen, für die sich Menschen aufopfern und ins Feld ziehen. Und sie ziehen bereits gegen uns ins Feld. Wir werden sie kaum aufhalten können. Nicht, wenn wir es nicht schaffen, uns auch eine neue Idee zu verpassen. Eine neue Idee für die Zukunft einer souveränen magischen Welt. Die Zeit nämlich wartet nicht auf uns. 

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